
Der Vagusnerv – die verborgene Brücke zwischen Körper und Geist
- Tobias König

- 19. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Was ich in einem 3-tägigen Fach-Workshop über Nervensystem, Sicherheit und Körperwahrnehmung gelernt habe
In den letzten Jahren rückt ein unscheinbarer Nerv immer stärker in den Fokus moderner Körper- und Bewusstseinsarbeit: der Vagusnerv. Nach meinem kürzlich besuchten dreitägigen Fach-Workshop zum Thema nervensystemorientierte Regulation und körperbasierte Methoden möchte ich zentrale Erkenntnisse mit dir teilen.
Der Vagusnerv verbindet Gehirn, Herz, Lunge, Verdauungsorgane und viele weitere innere Strukturen. Er beeinflusst maßgeblich, ob wir uns sicher, angespannt, erschöpft oder verbunden fühlen. Moderne Neurowissenschaft trifft hier auf traditionelle Körperarbeit wie Shiatsu – mit erstaunlich vielen Überschneidungen.
In diesem Artikel erfährst du:
was der Vagusnerv ist
warum er für Stress- und Sicherheitsgefühl entscheidend ist
wie Körperarbeit Einfluss auf das Nervensystem nehmen kann
welche einfachen Alltagsimpulse den Vagusnerv unterstützen
Hinweis: Die folgenden Inhalte dienen der Information und Gesundheitsbildung. Sie ersetzen keine medizinische Abklärung.
Was ist der Vagusnerv?
Der Vagusnerv (Hirnnerv X) ist der längste Hirnnerv des Menschen. Er entspringt im Hirnstamm und zieht durch Hals, Brustraum und Bauch bis in die Beckenorgane.
Über 80 % seiner Fasern leiten Informationen vom Körper zum Gehirn. Das bedeutet: Atmung, Herzschlag, Verdauung und Muskelspannung beeinflussen fortlaufend unsere Wahrnehmung, Stimmung und unser Sicherheitsgefühl.
Der Körper informiert also ständig das Gehirn – nicht umgekehrt.
Ein uraltes Sicherheitsprogramm
Aus evolutionärer Sicht entstand der Vagusnerv lange vor Sprache und rationalem Denken. Seine Grundfrage lautet bis heute:
Bin ich sicher oder in Gefahr?
Je nach Antwort schaltet das Nervensystem zwischen:
Entspannung und Kontaktbereitschaft
Aktivierung und Handlungsbereitschaft
Rückzug und Energiesparen
Diese Muster laufen automatisch ab – oft unbewusst.
Die Polyvagal-Theorie leicht erklärt
Der Neurophysiologe Stephen Porges beschreibt drei grundlegende autonome Zustände:
Ventral-vagaler Zustand
Gefühl von Sicherheit
ruhige Aufmerksamkeit
soziale Offenheit
gute Regeneration
Sympathischer Zustand
Aktivierung
innere Anspannung
erhöhter Muskeltonus
Dorsal-vagaler Zustand
Rückzug
Erschöpfung
innere Abschaltung
Gesunde Regulation bedeutet, flexibel zwischen diesen Zuständen wechseln zu können.
Warum der Vagusnerv bei Alltagsstress eine Rolle spielt
Dauerhafte Aktivierung beeinflusst:
Muskelspannung
Atemmuster
Schlafqualität
Verdauung
allgemeine Belastbarkeit
Viele moderne körperorientierte Methoden setzen darauf, dem Nervensystem regelmäßig Erfahrungen von Ruhe und Sicherheit zu ermöglichen.
Darm und Gehirn – eng verbunden

Der Vagusnerv ist die wichtigste Kommunikationslinie zwischen Darm und Gehirn.
Das erklärt, warum:
Stress oft „auf den Bauch schlägt“
emotionale Belastung sich im Bauch bemerkbar macht
ruhige Atmung die Verdauung unterstützt
Die sogenannte Darm-Hirn-Achse ist heute ein zentrales Forschungsfeld.
Vagaler Tonus – Anpassungsfähigkeit des Nervensystems
Der vagale Tonus beschreibt, wie aktiv der Vagusnerv im Alltag bleibt.
Ein stabiler vagaler Tonus steht in Verbindung mit:
ruhiger Atmung
guter Erholungsfähigkeit
emotionaler Ausgeglichenheit
schneller Rückkehr in Entspannung nach Belastung
Das ist trainierbare Physiologie – keine Willenskraft.
Shiatsu und Nervensystem – erstaunliche Parallelen
Shiatsu entstand lange vor moderner Neurowissenschaft. Dennoch zeigen sich klare Überschneidungen:
achtsamer Druck
rhythmische Berührung
Arbeit mit Atem und Hara
Präsenz und Wahrnehmung
Solche Reize können Mechanorezeptoren aktivieren, Atemrhythmen beeinflussen und Sicherheitswahrnehmung fördern. Viele Menschen erleben Shiatsu daher als tief entspannende Körpererfahrung.
Gezielte Shiatsu-Techniken zur Ansprache des Vagusnervs
Ein besonderer Schwerpunkt des Workshops lag auf gezielten Shiatsu-Techniken, die darauf ausgerichtet sind, den Vagusnerv über bestimmte Körperregionen anzusprechen. Dazu gehören sanfte, lauschende Drucktechniken im Bereich von Nacken, Brustraum, Zwerchfell, Bauch und Kreuzbein – also dort, wo wichtige vagale Strukturen verlaufen.
Durch ruhigen, präsenten Druck, Atembegleitung und feine rhythmische Impulse kann das Nervensystem eingeladen werden, in einen Zustand von mehr Ruhe und Sicherheit zu wechseln. Viele Menschen erleben dabei eine Reduktion von Muskelanspannung und eine vertiefte Atmung.
Diese Form der Körperarbeit kann dazu beitragen, Spannungsmuster im Muskel- und Fasziensystem bewusst wahrzunehmen und loszulassen. Besonders in Bereichen wie Nacken, Schultern, Rücken oder Becken wird dies oft als sehr entlastend erlebt.
Spannungsreduktion über nervensystemorientierte Shiatsu-Arbeit

Im Workshop wurde deutlich, dass muskuläre Spannungen häufig nicht nur lokal entstehen, sondern mit dem Zustand des Nervensystems zusammenhängen. Ist das Nervensystem dauerhaft aktiviert, bleibt auch die Muskulatur in erhöhter Grundspannung.
Gezielte Shiatsu-Sequenzen können das Nervensystem dabei unterstützen, wieder mehr in einen Ruhemodus zu finden. Wird dieser Zustand erreicht, kann sich auch der Muskeltonus regulieren. Viele Klientinnen berichten nach einer Sitzung von mehr Aufrichtung, freierer Atmung und einem Gefühl von innerer Weite.
Diese Herangehensweise wird besonders häufig bei Themen wie:
Nacken- und Schulterbelastung
Rückenverspannungen
Haltungserschöpfung
Knie- und Beckenbelastung
als angenehm und unterstützend erlebt.

Das Nervensystem lernt durch Erfahrung
Ein zentrales Lernfeld des Workshops war:
Sicherheit entsteht durch wiederholte Körpererfahrung – nicht durch reines Verstehen.
Atem, Berührung, Haltung und Wahrnehmung erinnern das Nervensystem daran, in Ruhe und Kontakt zu bleiben.
Einfache Impulse für den Alltag
Folgende Methoden werden häufig genutzt, um den Vagusnerv anzuregen:
langsames Nasenatmen mit verlängertem Ausatmen
Summen oder sanftes Tönen
achtsame Selbstberührung
rhythmisches Gehen
kurzer Kältereiz im Gesicht
bewusste Körperwahrnehmung im Sitzen
Schon kleine regelmäßige Impulse können das Nervensystem an Entspannung erinnern.
Warum dieses Thema so aktuell ist
Viele Menschen erleben heute:
hohen Alltagsdruck
Schlafprobleme
Erschöpfung
Verspannungen
innere Unruhe
Der Blick auf den Vagusnerv verbindet moderne Wissenschaft mit traditioneller Körperarbeit und eröffnet neue Perspektiven für ganzheitliche Gesundheitsbildung.
Mein Fazit aus dem Workshop
Die drei intensiven Tage haben mir gezeigt, wie eng Körper, Nervensystem, Wahrnehmung und Emotion zusammenwirken. Besonders spannend war, wie gut moderne Polyvagal-Modelle mit Prinzipien aus Shiatsu und östlicher Medizin harmonieren.
Bereichernd war für mich das Erlernen konkreter Shiatsu-Techniken, die gezielt auf nervale Regulation ausgerichtet sind. Fein dosierter Druck, Atemführung und bewusste Präsenz laden den Körper ein, Spannungsmuster loszulassen.
Diese Form der Arbeit eröffnet neue Möglichkeiten, Menschen bei belastungsbedingten Themen im Bereich Rücken, Schultern, Nacken, Knie oder Haltung achtsam zu begleiten – im Rahmen der Shiatsu-Praxis und immer angepasst an die individuelle Situation.
Für wen ist dieses Wissen interessant?
Menschen mit hohem Stresslevel
Gesundheitsinteressierte
Körperarbeiter:innen
Shiatsu-Praktiker:innen
alle, die Körper und Geist gemeinsam betrachten möchten
Neugierig geworden?
Gerne begleite ich dich in meiner Shiatsu-Praxis in Wien mit achtsamer Körperarbeit zur Förderung von Entspannung und Wohlbefinden.
Ich freue mich auf dich.
Herzliche Grüße,
Tobias
Disclaimer:
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapie dar. Shiatsu ist eine Methode zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder unklaren Symptomen wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine qualifizierte Fachkraft.










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